Montag, 26. Dezember 2016

Day 0

Ist der Start in einen neuen Lebensabschnitt eigentlich Tag 0 oder der 1. Tag? 
Als der gigantische Komplex des Frankfurter Flughafens im Sichtfeld  auftaucht grummelt es dann doch  in der Magengegend. Nicht viel, nur ein kaum merkliches, flaues Gefühl.
 Reisepass. Geld. Handy. 
Alles sicher im kleinen Rucksack verstaut. Trotzdem dieses umbestimmte Gefühl etwas vergessen zu haben. 
"Du fliegst ja nicht in's Niemandsland" höre ich eine Stimme in meinem Kopf, die sich verdächtig nach der von meiner Mama anhört. Ich muss grinsen weil ich mich an die Endphase meines Packwahns erinnere. Als ich mitten in meinem Zimmer saß, meine Sachen um mich herum verteilt, alles kreuz und quer gestreut und ich einfach nur noch meine Haare raufen wollte. Wie soll ich denn das Gepäck für 9 Monate in einen Rucksack quetschen? Wie?!
Da hilft nur noch eins: "hier bleiben" hätten meine Eltern jetzt gesagt, aber das ist keine Option. Also Plan  B: gnadenlos wegstreichen. Ein paar YouTube-packing Videos, einen großen Kaffe und einige selbstspiegelnde Reflektionen auf die Gandhi stolz gewesen wäre später fand ich mich in einem deutlich kleineren Kreis voller Klamotten, Schlafsack und anderen Reiseutensilien wieder. Jetzt alles in kleine, Sushi-ähnliche Rollen verwandelt und in Tüten sortiert (ja, ich habe die Pack-Videos wirklich ernst genommen): fertig! Der Rucksack ging doch tatsächlich einwandfrei zu! Ich konnte es nicht fassen. 
Und so erstaunlich ging es weiter: Mein Rucksack wiegt nur 15 Kilo! Jetzt kann ja nichts mehr schief gehen. Eigentlich. 

Also gut. Die leicht wehmütigen Gedanken beiseite schieben und ab geht's. 
Check-In und Terminal finden vergeht wie in einem Wimpernschlag, schon stehen wir am Tresen und trinken den letzten schwarzen Kaffe in Deutschland. Also ich zumindest. 
Plötzlich hören wir lautes Geschreie und dumpfes Tönen aus dem Controll-Bereich. Das aufgeregte Gefühl im Bauch schlägt in ein ganz anderes um. Angst. 
Der Blick geht von Einem zum Anderen. Die Hände werden eiskalt. Mein Hund Emmy stellt aufmerksam die Ohren und blickt in Richtung des Aufruhrs. Bumm bumm. Zwei dumpfe Schläge. Die Menschen außen herum gehen langsam mehrere Schritte rückwärts, es passiert aber nichts weiter.
Als mein Papa schnurstracks zur Quelle des Lärms läuft stellen sich mir meine Nackenhaare auf. Was macht er denn da??  Das Schreien hat zwischenzeitlich aufgehört, doch jetzt setzt es wieder ein. 
Die Sekunden verstreichen.
Dann endlich, Erleichterung. Papa kommt wieder zurück. Die Geräusche rührten von einem Epileptischen Anfall, der Mann läge am Boden und einige Wachposten hielten ihn dort fest. Trotzdem kann man das Gefühl der Beklommenheit nicht leugnen. Den Adrenalinschub, der einen zusammenfahren lässt, sobald auch nur jemand einen Koffer zu hektisch hinter sich herzieht. 
Doch jetzt ist keine Zeit über ein "wenn.." oder ein "stell dir vor..." nachzudenken, denn wir sind an der security-control angelangt. Zeit, Abschied zu nehmen.

Um ehrlich zu sein, möchte ich über diesen Abschied nicht schreiben. Jeder weiß wie Abschied ist. Niemand mag ihn. Auch wenn in jedem Abschied ein kleiner oder größerer Neuanfang steckt, der Schmerz bleibt. 
Also gehe ich nun durch die Kontrolle - noch ein letztes Mal umdrehen - laufe um die Ecke und schon ist mir die Sicht zurück versperrt. Jetzt geht es los. Ich versuche gerade mir die Tränen von den Wangen zu wischen ohne schwarze Streifen zu hinterlassen, als mich eine freundliche Stimme von hinten anspricht: "Man siehts kaum." Der junge Mann schaut mich freundlich an und schenkt mir ein aufmunterndes Lächeln. "Nur auf Urlaub oder ist es ein längerer Abschied?" Fragt er mich. Ich erzähle ihm ein bisschen von meinen Plänen. Wir unterhalten uns den ganzen Weg durch die Kontrolle. Er hat seinen Job gekündigt und ist jetzt für einige Zeit  in der Weltgeschichte unterwegs, erst mal alleine bis ihn dann später für ein paar Wochen Freunde besuchen und sie gemeinsam durch's Land reisen. Das kommt mir irgendwie bekannt vor. Auch er hat nur einen Rucksack dabei, 15 Kg schwer so wie meiner. Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht an Zufälle glaube. 
Als sich unsere Wege trennen - ich ab in den Duty Free Shop und er zu seinem Gate - bin ich unglaublich froh, dass ich ihn treffen durfte. Auch wenn die Begegnung nur von kurzer Dauer war und wir uns kaum kennen, den Abschied hat es mir leichter gemacht. Also, falls du das ließt: Danke. 

Jetzt sitze ich also im Flugzeug, neben mir eine sehr nette, ältere Dame (die übrigens angenehm riecht, sie weiß was gemeint ist ;) ), und verfasse meinen ersten Post. Viel Bilder bekommt ihr heute noch nicht zu sehen - das Flugzeug essen war eher semi Instagam tauglich... Immerhin gabs was vegetarisches. Und zwei Salatblätter. Und Kaffee. #Coffeeforpresident
Die nächsten 7 Tage verbringe ich also in Dubai. Strand, Altstadt, Mall, Burj Khalifa, Feuerwerk, Wüste, Hafen... Man könnte wohl noch ewig weiter machen wenn es um die Sehenswürdigkeiten in Dubai geht. Was dann letztendlich rauskommt, wird sich zeigen. Ich werde euch auf jeden Fall darüber auf dem Laufenden halten. Bis dahin, liebste Grüße aus Dubai
Jil 


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